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21.05.2008

Wieviel ist ein Pferdleben wert?

Einst war Kentucky das stolze Pferdezentrum der USA. Doch nun sind die Preise für Rösser eingebrochen und viele Züchter stehen vor dem Ruin


Noch nicht einmal 75 US-Dollar können die Interessenten für die Pferde auf den Grossauktionen, wie hier in Kentucky aufbringen

Wenn früher ein Pferd nicht verkauft wurde und niemand sich um das Tier kümmern wollte, dann kamen die Ankäufer der grossen Schlachthäuser. Für wenige US-Cent pro Kilo nahmen sie die Tiere mit, quetschten sie in mit anderen Leidensgenossen in ihre Transporter und fuhren sie in den Tod. Das Fleisch wurde verkauft, nach Europa und nach Asien, für Menschen und um daraus Hundefutter zu machen. Oder man machte Leim aus den ungewollten Vierbeinern.
 

Heute gibt es nur noch ein einziges Schlachthaus in den USA, im Bundesstaat Illinois, das Pferde für den menschlichen Verzehr schlachtet. Die Zahl der in den Vereinigten Staaten geschlachteten Pferde ging von über 300 000 im Jahr 1990 auf weniger als 100 000 heute zurück. Es gibt nicht wenige Abgeordnete des amerikanischen Kongresses, die die Schlachtung von Pferden ganz verbieten wollen. Und Leim wird heutzutage synthetisch hergestellt. Das sind, ganz ohne Zweifel, gute Nachrichten.

Über 40 unterernährte Pferde füttert der Schutzhof Cougar Creek Ranch durch.
Jeden Tag kommen neue erschöpfte Tiere hier an

Doch auch für Rösser gilt das marktwirtschaftliche Gesetz von Angebot und Nachfrage. Und so hat das neue Pro-Pferd-Bewusstsein in den USA gravierende Konsequenzen, mit denen wohl niemand gerechnet hat: Plötzlich gibt es so zehntausende Tiere, dass Züchter keine Abnehmer mehr finden.
Auf einer Auktion in Kentucky kam es zu dramatischen Szenen. Ein Pony, das für 500 Dollar Mindestgebot vorgestellt wurde, fand erst einen Bieter, als der Auktionator den Preis auf 75 Dollar abgesenkt hatte. Als er darauf dem Verkäufer anbot, das Pony von der Versteigerung zurückzuziehen, rief dieser durch die Halle: "Ich kann kein Pferd durchfüttern. Ich kann mich doch kaum selbst ernähren."
 

Wie ihm ergeht es Tausenden von privaten und professionellen Züchtern im Land der der endlosen Weiten der Prärie, wo die Cowboys ein nationaler Mythos sind und ihre Pferde ein Teil wichtiger Teil einer stolzen Kultur: Eher verschenken sie ihre Fohlen, als dass sie sie noch ein Jahr versorgen, ehr geben sie sie in Hände, von denen sie nicht wissen, was sie mit ihren Tieren anstellen werden, als dass sie Monat für Monat Geld für Futter, Stroh und Tierärzte ausgeben.

Tier-Asyl in Nicholasville: In Kentucky gibt es tausende Pferde, die niemand mehr haben will. Doch Plätze sind rar geworden - bald können die Tierschützer keine Pferde mehr aufnehmen


Vorreiter der Entwicklung war, wie so oft, Kalifornien. Dort wurde schon 1989 ein generelles Schlachtverbot für Rösser erlassen. In der Folge ging zwar die Zahl der gestohlenen Pferde zurück. Doch weiterhin wurden und werden nahezu genauso viele Tiere wie zuvor vernachlässigt oder misshandelt. Logische Konsequenzen: Diebe können mit Rössern nur noch wenig anfangen und auch, wenn ihre Gesamtzahl langsam zurückgeht, so fehlt doch nun das "Überdruckventil" Schlachthof.
 

Doch so gross Kalifornien ist, so weltbestimmend Hollywood und das Silicon Valley sind - in Sachen Pferd ist Kentucky die Grossmacht. Und so ist das, was dort dieser tage geschieht, für die Pferdewelt von viel grösserer, von entscheidender Bedeutung: "Was macht man mit 90 000 Pferden?", fragt Lori Neagle, Direktorin des Kentucky-Pferdeschutzzentrums. Schon jetzt sind die Tierasyle voll. Und jedes Jahr, in den vergangenen Monaten gerade wieder, kommen Tausende Fohlen hinzu, von denen niemand weiss, wohin mit ihnen. Für sie ist ein glückliches Pferdeleben wie ein Lotteriegewinn.
In allen US-Bundesstaaten ist es Haltern erlaubt, ungewollte Tiere zu erschiessen. Doch das kann, das darf keine Lösung sein. Genauso wenig aber kann, darf es sein, dass die Tiere unter unwürdigen, schrecklichen Bedingungen dahin vegetieren. Es bleibt wohl kaum etwas anderes übrig, als auf die Marktwirtschaft zu hoffen, darauf, dass sich Angebot und Nachfrage von selbst regulieren und in absehbarer Zukunft nur noch so viele Fohlen geboren werden, wie von Pferdefreunden nachgefragt. Bis dahin aber ist es wichtig, dass die Generationen von Pferden, die in diese Übergangszeit hineingeboren werden, Menschen finden, die sich um sie kümmern, Menschen, die ihnen ein glückliches Pferdeleben ermöglichen.



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